HOHE HÄUSER – NIEDRIGE PREISE

HOHE HÄUSER – NIEDRIGE PREISE

HOHE HÄUSER – NIEDRIGE PREISE

Ich fahre mit meinem Fahrrad die Karl-Marx-Allee zum ersten Mal in meinem Leben entlang und traue meinen Augen nicht. Was 15 Minuten zuvor noch Berlin Friedrichshain hieß sieht jetzt aus wie Moskau. Breite 4-Spurige Straßen in beiden Richtungen, hohe Häuser, monumentale Straßenlaternen – das alles sind die Attributen des Baustils aus den 80er Jahren in Berlin. Heute würde man Medieninhalte zu diesem Thema durch das Hash-Tag #radikalmodern in den Sozialen Netzwerken finden. Wer und zu welchen Preisen heute in den Plattenbauten wohnt, hat Wunderagent diese Woche für Sie herausgefunden.

In der Karl-Marx-Allee herrscht der Zuckerbäckerstil – kleinteilig verzierte Gebäude stehen hier in Reih und Glied und zeigen, wie klein wir eigentlich sind. Man fühlt sich winzig umgeben von hohen Gebäuden wie diesen.  wie klein man in dieser Welt sein kann. So ein Stück Kuchen aus Beton wollen heutzutage viele haben. Promis, Leute mit dickem Geldbeutel, reiche Ausländer – all diejenigen werden angelockt, für die Geld eine untergeordnete Rolle spielt. Was früher eine bezahlbare Wohnung sein sollte, ist heute zum Status geworden.

Und nicht ohne Grund. Hier ist die U-Bahn vor der Haustür, womit man schnell in Berlin von A nach B kommt, der Alex ist zu Fuß erreichbar und wenn man noch auf der richtigen Seite wohnt, hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt. Früher könnte man zu diesen Vorteilen noch einen weiteren Punkt dazuschreiben – niedrige Mieten. Die Mieter mit alten Verträgen können sich darüber sehr glücklich schätzen, denn die neuen Nachbarn zahlen weitaus mehr. Dank Mietpreisbremse können die Mieten nicht mehr ins Extreme schnellen, dennoch werden die Preise deutlich nach oben angepasst. Eine Übernahme der alten Verträge ist so gut wie unmöglich. Das gleiche Bild findet man in den mehrstöckigen Platten nicht weit vom Alexanderplatz. Um das Problem zu verstehen, tauchen wir kurz in die Geschichte, die dahinter steckt, ein.

Plattenbau

Der Plattenbau als eine Bautechnik wurde zum ersten Mal nach 1920 bekannt. Ein anhaltendes Bevölkerungswachstum und zunehmende Einwanderungen in die Städte erforderten mehr Wohnraum und neue Ingenieurlösungen. Die Bauweise mit vorgefertigten, standardisierten Platten verringerte die Bauzeiten und demnach auch die Baukosten. Somit entwickelte sich eine neue Architekturepoche, die heute als „klassische Moderne“ bezeichnet wird. Die Verwendung neuer Materialien wie Spannbeton, Stahl und Glas war damals ein Grundstein für ihre Entwicklung.

Nach und nach entstanden in Deutschland neue Plattenhäuser, manchmal sogar ganze Stadtteile. 1926 wurde in Berlin-Lichtenberg, Ortsteil Friedrichsfelde, nach Entwürfen des damaligen Stadtbaurats Martin Wagner die erste deutsche Plattenbausiedlung errichtet. Im Rahmen des Wohnungsbauprogramms entstanden ab dem Jahr 1972 ca. 1,9 Millionen Plattenbauwohnungen. Im Gegensatz zu Altbauwohnungen waren sie zu der Zeit mit fließendem warmen und kaltemn Wasser, Zentralheizung, Toilette in der Wohnung und Badewanne ausgestattet. Gleichzeitig wurden die Plattenbau-Mieten auf einem niedrigen Niveau gehalten.

Was jetzt auf der Karl-Marx-Allee passiert, hätte den damaligen Architekten Hermann Henselmann, Hartmann, Hopp, Leucht, Paulick und Souradny nicht gefallen. Alle Wohnungen hier sollten als eine geräumige und luxuriöse Wohnfläche an die Arbeiter übergeben werden. Der Mensch standplötzlich im Mittelpunkt der Gesellschaft. Der Sozialismus machte ihn zum König, zur Antriebskraft der Industrie, dem Berührungspunkt zwischen Volk und Politik.

Heute sind die Einwohner wie Frau Scherzinger (73) hier eher eine Ausnahme als die Norm. Sie wohnt in dem damals genannten “Arbeitspalast” in Berlin-Lichtenberg seit 42 Jahren. Die Mieten in ihrem Haus sind von 78 DDR-Mark nach dem Ersteinzug auf 650 Euro für eine 3-Zimmer-Wohnung mit 80 Quadratmeter gestiegen. “Meine Nachbarn zahlen nach dem Neueinzug sogar 250 Euro mehr” – beschwert sich Frau Scherzinger und schaut nachdenklich aus ihrem Fenster im fünften Stock. Eine Sanierung ist in solchen Gebäuden oft notwendig, führt aber gleichzeitig zu Mieterhöhungen. Das schreckt die Neueinwohner allerdings nicht davon ab – Mieten in den Plattenbauten liegen deutlich unter dem Durchschnittsniveau in Berlin. Durch die Gentrifizierung, wenn die Bewohner der zentralen Stadtteilen durch die Sozialschicht mit einer höheren Zahlungsbereitschaft verdrängt werden, entsteht hier außerdem ein Bürgermix, was auch der Integration zwischen den Menschen hier sehr zu Gute kommt.

Viele Bürger kritisieren auch der Abriss der Plattenbauten. Unter dem Video auf YouTube, wo der Abriss der Plattenbauten im Leipziger Stadtteil Grünau zu sehen ist, haben sich kritische Kommentare gesammelt:

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Es gibt aber noch hohe Gebäude in Leipzig mit den erschwingbaren Preisen, wie zum Beispiele diese 3-Zimmer Wohnung auf der 11. Etage, die über unser Platform inseriert wurde509 Euro für 60 Quadratmeter im Zentrum der Stadt – so wird’s das Wohnen in den Wolken zur Realität.

Zum heutigen Tag sind rund 90 Prozent der Plattenbauten saniert, es wurden Parks und Spielplätze gebaut, das Angebot von sozialen Einrichtungen und Kitas wurde auch erweitert. Eine perfekte Voraussetzung für den Nachwuchs der Mieter in den nächsten Jahren. Doch ob ein Hip-Trend die Mietpreise hier nicht weiter nach oben schnellen lässt, wird sich mit der Zeit zeigen.

Zahlen und Fakten:

  • Ein erster Großplattenversuchsbau entstand 1953 in Berlin-Johannisthal.
  • Im Rahmen des Wohnungsbauprogramms entstanden ab dem Jahr 1972 ca. 1,9 Millionen Plattenbauwohnungen.
  • Es war vorgesehen bis zu 200 Milliarden Mark der DDR des Nationaleinkommens für das Programm aufzuwenden.
  • Es hat 7 Jahre gedauert, bis die Plattenwohnung seinen millionsten Mietern ein neues Zuhause anbieten konnte.
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